Eurotec: Herr Bugmann, wie geht es der schweizerischen Uhrenindustrie?
Yves Bugmann: Trotz Einführung der Zölle wurden 2025 auf dem für die schweizerische Uhrenindustrie wichtigsten Exportmarkt USA nahezu gleichbleibende Umsätze (-0,5 %) erzielt. Man kann ihn also durchaus als widerstandsfähig bezeichnen. Auch der chinesische Markt hat sich nach einigen Jahren des Rückgangs wieder stabilisiert, und die Aussichten bis Jahresende sind eher vielversprechend. Insgesamt schien der Exportrückgang, der 2024 noch bei -2,8 % und 2025 bei -1,7 % lag, sich dem Ende zu nähern. Im ersten Quartal dieses Jahres wurden mit einem Anstieg von 1,4 % endlich wieder schwarze Zahlen geschrieben. Der Konflikt im Nahen Osten hat die gesamte Situation allerdings auf den Kopf gestellt. Dies ist umso bedauerlicher, als diese Region dank Tourismus ein gesundes Wachstum und eine bemerkenswerte Dynamik aufwies – bis vor kurzem flossen 10 % der Uhrenexporte in den Nahen Osten. Heute ist die Lage völlig unklar. Unsicherheit ist Gift für die Wirtschaft, und die aktuelle Situation erfordert von den Unternehmen und insbesondere von den Zulieferern eine erhebliche Resilienz.
Gibt es weitere Gefahren für die Uhrenindustrie?
Die Uhrenindustrie steht derzeit gleich vor mehreren Herausforderungen: die Edelmetallpreise, der hohe Kurs des Schweizer Franken und die übermäßige Regulierung. Diesbezüglich geht die Schweiz manchmal wirklich zu weit. Es ist durchaus lobenswert, sich beispielsweise für Ökologie und Nachhaltigkeit einzusetzen, und mit ihren Premiumprodukten hat die Uhrenindustrie guten Grund, dies zu tun. Wenn indes ständig neue Gesetze eingeführt werden, die den Marken regelmäßige Reportings vorschreiben, steigt der bürokratische Arbeitsaufwand und droht, zur Belastung zu werden. Selbst die Europäische Union, die für ihre zwingenden Vorschriften bekannt ist und oft dafür kritisiert wird, beginnt allmählich, die Vorschriften zu lockern, damit die Unternehmen wieder wettbewerbsfähig werden können.
Die in den neunziger Jahren in der Schweiz eingeführte Schuldenbremse hat sich bewährt. Wäre es nicht denkbar, eine Regulierungsbremse einzuführen, wie es übrigens erst kürzlich von den Jungfreisinnigen gefordert wurde? Es ist überaus wichtig, sich die richtigen Fragen stellen, wie zum Beispiel: Wem verdankt die Schweiz ihren Reichtum? Die Antwort ist klar: Der Reichtum wurde von den Unternehmen geschaffen. Umso wichtiger ist es, für die Unternehmen insbesondere vernünftige Rahmenbedingungen zu schaffen. Der FH arbeitet eng mit economiesuisse zusammen, um sich dafür einzusetzen. Bleiben wir im politischen Bereich: Die kürzlich veröffentlichte Umfrage bezüglich der Volksinitiative „Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeitsinitiative)“ kann als beunruhigend eingestuft werden. Erstens benötigt die Wirtschaft Arbeitskräfte, zweitens würden bei einem überwiegenden „Ja“ bei der Abstimmung die bilateralen Abkommen ins Wanken geraten, deren Bedeutung für die Schweiz unbestritten ist, geht es doch um den Zugang zu den verschiedenen europäischen Forschungsprogrammen oder um die Sicherheit unserer Stromversorgung.
Auch die Frage der US-Zölle ist noch nicht geklärt. Die aktuell geltenden Zölle sind befristet und laufen im Juli 2026 aus. Ndt: attention, dans le texte français il est question de 2025 Die US-Regierung arbeitet derzeit an der Einführung neuer länderspezifischer Zölle. Umso wichtiger ist es für die Schweiz, in dieser Angelegenheit proaktiv vorzugehen; dementsprechend unterstützt der FH die Verhandlungsbemühungen des Bundesrats.
Weitere Abkommen, unter anderem mit dem Mercosur und Vietnam, wurden bereits unterzeichnet oder befinden sich in einem fortgeschrittenen Verhandlungsstadium; sie werden Schweizer Unternehmen einen besseren Zugang zu diesen Märkten verschaffen. Auch an der Überarbeitung des Abkommens mit China wird zügig weitergearbeitet. Die Entwicklung des indischen Marktes ist ebenfalls sehr erfreulich: Seit Inkrafttreten des Freihandelsabkommens hat das bereits in den letzten Jahren starke Wachstum der Schweizer Uhrenexporte noch weiter Fahrt aufgenommen. Im ersten Quartal verzeichnete Indien einen Anstieg um 36 % und kletterte damit vom 20. auf den 14. Platz.
Wie lässt sich der Rückgang der Exportmengen erklären und welche Lösungen sind vorstellbar?
Der Rückgang des Exportvolumens ist nichts Neues. Aus einer im Jahr 2025 durchgeführten Marktstudie geht deutlich hervor, dass die Befragten nach wie vor am Kauf einer Uhr interessiert sind. Außerdem zeigt sie, dass Schweizer Uhren auch heute noch faszinierende Produkte sind. Allerdings ist das Einstiegssegment äußerst wettbewerbsfähig, den Verbrauchern wird heute eine große Auswahl an Alternativen geboten.
Wichtig ist, dass die Schweizer Uhrenindustrie in allen Preissegmenten mit ansprechenden Produkten vertreten bleibt. Damit kann die Branche den unterschiedlichsten Erwartungen der Konsumenten sowie ihrem Ruf für Präzision und Langlebigkeit bestens gerecht werden.
Yves Bugmann
Zum Abschluss möchten wir noch ein Thema anschneiden, das zunehmend an Bedeutung gewinnt: die KI. Wird diese Technik Ihres Wissens in der Uhrenindustrie regelmäßig eingesetzt?
In der Uhrenindustrie bietet der Einsatz von KI erhebliche Vorteile. Gemäß dem Wirtschafts- und Beratungsunternehmen Deloitte gibt es heute kaum noch Unternehmen, die der KI keine bedeutende Stellung einräumen. KI-Anwendungen befinden sich überwiegend in der Evaluierungs- bzw. in der gezielten Umsetzungsphase. Abgesehen von mittlerweile wohlbekannten Anwendungsbereichen wie die hochgradige Angebotspersonalisierung, die Erstellung von Inhalten und das Kundenbeziehungsmanagement hält die generative künstliche Intelligenz zunehmend Einzug in die gesamte Wertschöpfungskette der Luxusunternehmen. Über die Verbesserung des Kauferlebnisses hinaus kommt sie von der Produktentwicklung bis zum Betriebsmanagement zum Einsatz.